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Ist das Freundschaft oder kann das weg?

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Ausmisten, wegschmeißen, optimieren. Uns gehen die Gelegenheiten, uns und unser Leben neu auszurichten schier nicht aus. Eine Google Suche nach „declutter“ (englisch: ausmisten) ergab so viele Ergebnisse, dass ich müde wurde, die Titel zu lesen. Da kann man alles loswerden: schlechte Gedanken, Freund*Innen, Möbel, Unterlagen. Life-reloaded.

Ich liebe Ausmisten! Allerdings habe ich auch leicht Reden, denn mir fällt es nicht besonders schwer. Ich fühle mich schnell besitzbelastet und sortiere eigentlich jeden Tag irgendwas aus, das ich meinen Freundinnen schenken, oder sonst wie entsorgen kann. Man könnte also denken, ich gehe voll mit bei der Bewegung; Was nicht schön oder nützlich ist, raus!

Nicht so schnell! Heute geht es mir um das „Aussortieren“ negativer Menschen in unserem Freundes-und Bekanntenkreis. Gerne sprechen wir in der Esoszene von „toxic people“, also giftigen Menschen. Scheinbar, sind wir alle von schlechten Menschen umgeben, die wir ganz dringend und mit Finalität loswerden sollten. Da entstehen bei mir gleich mehrere Fragen: Wenn hier alle toxic sind, wer ist dann „clean“? Wenn es nur Opfer gibt, wo sind die Täter? Wenn ich ausnahmslos von toxics umgeben bin, was sagt das über mich aus? Diese Trennung von „gut und böse“…das ist mir zu einfach, zu schnell, zu unvollständig.

Jede*r von uns hat bestimmt schon Menschen verloren, die uns sehr nahestanden. Die Beziehungen waren eine Zeit lang wunderbar, intensiv, hilfreich, bis sie es eben nicht mehr waren oder wurden. Wir finden den Weg zueinander nicht zurück und die Freundschaft kann nicht mehr aufrechterhalten werden, ohne dass Eine*r oder beide leiden. Verstanden haben wir wahrscheinlich auch, dass nicht alle Freundschaften lebenslang sein müssen. Manche Wegbegleiter*Innen sind für bestimmte Lebensphasen genau richtig, bis sie es eben nicht mehr sind. Das macht diese Menschen und auch uns nicht unbedingt toxisch. Die Verbindung hat nur ihre Sinnhaftigkeit verloren und das ist auch ok so.

Was mich beschäftigt ist aber nicht der natürliche Lebenszyklus von Beziehungen. Ich finde es nur merkwürdig, dass dieser immer schneller geworden ist. Wir scheinen für nichts mehr zu kämpfen. Schließlich haben wir genügend Freund*Innen, sind auf facebook und Instagram, etc. verbunden, eine Community ist genau einen Klick entfernt. Warum sich also mit Leuten aufhalten, die einen hinterfragen, konfrontieren, auch mal Sachen sagen, die einem so richtig auf die Eierstöcke gehen? Wollen die uns dann immer gleich Böses? (Notiz an Selbst: Aura ausräuchern.) Sind die wirklich nur neidisch? Ist der Mensch in Gänze abtrünnig und meiner Aufmerksamkeit unwürdig, weil er etwas Verletzendes gesagt hat? So viele Fragen! Da kann es nur eine Antwort geben: unfriend. Weg mit der ganzen Negativität!

In der Yogaszene ist in diesen Fällen oft von „lass los, was dir nicht dient“, die Rede. Dem stimme ich prinzipiell auch aus ganzem Herzen zu. Was ich fragwürdig finde, ist der Mangel an Selbstreflektion. Schnell sind wir in der Spiriwelt bei dem Fazit: Klarer Fall, alle sind toxisch, nur ich nicht! Mir fallen dabei auch die ganzen Rückführungen ein. In vorherigen Leben, so erzählt man uns, waren wir Heiler*Innen, König*Innen, auf jeden Fall aber gute Menschen oder Opfer einer Ungerechtigkeit. Hmmm, keiner war Despot*In, Mörder*In, Betrüger*In? Wie kann denn das sein? Wo sind denn bloß alle?

Doch zurück zu diesem Leben: Wir stecken in einer Auseinandersetzung. Unser Gegenüber will einfach nicht einsehen, dass sie etwas Verletzendes gesagt hat und wir wollen nicht einsehen, dass dem evtl. auch eine ungerechte Bemerkung unsererseits voraus ging. Entschuldigen will sich auch niemand. Die Fronten verhärten sich und es muss jetzt schnell eine Entscheidung her (warum eigentlich, kann man da nicht auch mal mit schwanger gehen, es aushalten, dass die Lösung noch nicht sofort klar ist?). Wir beschließen: Dieser Mensch muss weg, oder „ich will jetzt nur noch mit Menschen zusammen sein, die mir guttun,“ oder „ich schwinge da jetzt einfach höher und habe mich von negativen Energien befreit.“ „Steht auch so in meinem Tageshoroskop.“ Huh.

Bitte nicht falsch verstehen, wenn uns jemand wirklich nicht guttut, wir die ganze Zeit Liebe rein geben und nur Manipulation dabei raus kommt, bin ich die Letzte, die sagt „halt’ durch!“. Wie erwähnt, ich habe mich von sehr geliebten Menschen getrennt (oder sie sich von mir), weil wir keinen anderen Weg mehr sahen und nur noch Schmerzen hatten.

Wenn es sich allerdings um Freund*Innen handelt, mit denen wir eine liebevolle Verbindung eingegangen sind, die wir vielleicht auch schon lange kennen, mit der wir durch dick und dünn gegangen sind, kann es wertvoll und heilsam sein, noch ein zweites oder drittes Mal hinzusehen. Muss man die jetzt gleich abservieren? Wirklich? Geht nicht ein bisschen Abstand und bei einem Cocktail (ok, grüner Smoothie geht auch) entweder darüber reden oder sich für Tabula Rasa, einen Neuanfang entscheiden?

Esther Perel, die bekannte Paartherapeutin, hat bei ihrem TED Talk ganz zum Schluss etwas Wunderschönes gesagt. Es ist zwar an Paare gerichtet, die eine Affäre zu überwinden versuchen, aber ich finde die Logik trifft auch auf Freundschaften zu: „Heutzutage, im Westen, werden die meisten von uns zwei oder drei Beziehungen oder Ehen haben. Manche von uns werden diese mit der gleichen Person haben. Eure erste Ehe ist vorbei. Möchtet ihr die zweite Ehe zusammen eingehen?”

Alte Freundschaften sind viel Wert aber natürlich schleichen sich hier und da Dynamiken ein, die nicht immer gesund und förderlich sind. Dies hier ist aber mein Plädoyer dafür, nicht gleich los zu lassen, weil die Person gerade nicht „dient“. Optimieren, ausmisten, erneuern, heißt nicht immer austauschen. Es kann auch heißen, dass ich neu evaluiere, mich darin übe, mit diesem geliebten Menschen in eine gesündere Verbindung zu treten, bzw. – aua!– mir selbst auch mal den Spiegel vor zu halten. Bin ich zu idealistisch? Oder gar altmodisch? Was meinst du? Schreib’ s mir in den Kommentaren und danke fürs Lesen!

Comments 2

  1. Aufrichtig, reflektiert und vor allem mutig. Menschen zu sagen, dass bei allen toxic people dieser Welt sie auch selbst diese Rolle gegenüber jedem anderem inne haben müssen (anders geht es nicht), ist mutig – weil das keiner hören will. Quick fixes sind einfach einfacher. Und funktionieren ohne lästige Selbstkritik.
    Well done 👏

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